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Dr.Dolors Arztromane

Aftershave

von Schwester Ulla

Er war unfähig. Mehr als das – er war unfähig und wusste es nicht! In PJ-Student Uwe hatte Dr.Dolor einen Mitarbeiter auf seiner Station, dem er lieber gestern als heute die Bremsschläuche durchschneiden wollte. Uwe konnte weder Blut abnehmen noch leserlich schreiben; darüber hinaus erfüllte sein perfiedes Aftershave schon kurz nach der Frühbesprechung die gesamte Station. Natürlich hätte auch ein etwas weniger aufdringlicher Duft nichts an ihrem Verhältnis geändert – Dr.Dolor verabscheute Studenten per se und Uwe entsprach allen gängigen Vorurteilen!

Doch heute sollte alles noch schlimmer kommen. Es geschah kurz nach der Frühvisite; Uwe - erneut an vier von fünf Blutabnahmen gescheitert – werkelte an der Kaffeemaschine rum und versprühte seinen unangenehmen Charme unter der Schwesternschaft.
Kaum zu glauben, aber die Damen waren ganz verzückt beim Anblick dieser leicht vertrottelten, dabei aber auch irgendwie hilflos wirkenden Kreatur. Gerade in dem Augenblick, als Stationsoberarzt Dr.med.Dolor den ihm angestammten Platz zu Schwester Ulla`s Linken einnehmen wollte, drehte sich Uwe um, trat einen Schritt vor, sah ihm in die Augen und sagte: „Herr Dr.Dolor“ – die Schwester Ulla ist doch viel zu jung für Sie“. In völliger Unkenntnis seines soeben selbst formulierten Todesurteiles schob sich auf Uwes Gesicht ein Grinsen und auf den Platz neben Schwester Ulla sein studentischer Hintern!

Dr.Dolor sah rot! Er hatte es versäumt, seinen Stations-PJ`ler für den Vormittag auf den OP-Plan zu stellen und nun musste er nicht nur seine Anwesenheit beim Frühstück ertragen, sondern wurde auch noch zweimal vom übelste Vertreter studentischer Hilfskräfte beleidigt: Er fühlte sich nicht zu alt, um sein reguläres Balzverhalten einzuschränken und war darüberhinaus auch kaum gewillt, sein Frühstück zwischen Assistent Hanke und Pfleger Schroeder zu verbringen! Es lag Blut in der Luft und in Verbindung mit seines Kontrahenten widerlichen Aftershaves ergab dies ein hochexplosives Gemisch aus Abscheu, Tatendrang und Skrupellosigkeit.

Die entscheidene Frage war nun, wie er PJ`ler Uwe nicht nur für heute abstrafen würde sondern ihn auch für immer aus seinem Umfeld entfernen könnte! Sicher – mit einer kleinen Kaliuminjektion würde sich ein solches Problem schnell und diskret lösen können, darin verbargen sich aber auch die beiden Probleme: Schnell und Diskret. Nein – Uwe musste öffentlich, langfristig und schmerzhaft diskreditiert werden. Dolor gab einen Dreck auf Dekanats-Erlässe zum Umgang mit anvertrauten Studenten und auch gängige Menschenrechtskonventionen waren ihm ziemlich gleichgültig.

Das ansonsten übliche Sortieren von Akten oder das Abfassen säumiger Arztbriefen entfiel –abgesehen davon war es nicht ansatzweise dem Umfang seiner Schuld angemessen. Ausserdem hatte Dolor den Eindruck, das derartige Frohndienste bei Uwe eine Art Lustgewinn verursachen würden – nicht grundlos war es fast unmöglich, ihn vor 21 Uhr von der Station zu scheuchen. Uwe stand auf Überstunden und konnte von jeglicher Ausbeutung nicht genug bekommen. Und damit stand sein Entschluss fest: Uwe`s empfindlichster Punkt war Freizeit. Allerdings reziprok!

Der zweite Brocken war noch nicht komplett durchgekaut als Uwe sich ohne Kittel aber mit 20,- Euro und einem Kinogutschein im Ausgangsbereich der Klinik der Aussenwelt näherte –Draussen war es noch immer hell! Kein Wunder, zeigte doch die Uhr in der Halle frühmorgendliche achtuhrdreissig und PJ´ler Uwe war soeben für 3einhalb Monate beurlaubt worden. Er wusste, die Station würde er bei vorzeitigem Betreten nicht mehr lebend verlassen und das Dekanat würde ihm die Beschwerde nicht abnehmen.
Uwe war alleine und obwohl er nicht wusste warum, so vermutete er doch einen Zusammenhang mit seinem Aftershave.

 
 



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