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Der Gang nach Kanossa

von Pascal

Diese verdammten Besserwisser. Schon bei dem Gedanken an die ihm bevorstehende Besprechung krampften sich Dolors Gedärme zusammen wie bei einer ausgewachsenen Samonelleninfektion oder noch einem verspäteten wieder aufgewärmten Mittagessen in der Klinikskantine. Vielleicht hatte seine gastrointestinelle Dystonie auch etwas mit eben diesem kulinarischen Hochgenuss zu tun, welcher aus bis zur Unkenntlichkeit zerkochtem Gemüse bestanden hatte und ledrig zähem Fleisch, welches man selbst einem fast Verhungerten mit nicht ruhigen Gewissens anbieten würde, auch wenn es die einzige Rettung vor dem sicheren Hungertod wäre.

Aber eigentlich waren seine Innereien ja an solche Grausamkeiten gewöhnt. Also dürfte es doch an dem liegen, was auf ihn wartete. Eine Dienstbesprechung mit seinem Chef. Hah, dass er bei dem Gedanken an diesen überheblichen, aufgeblasenen arroganten nicht sofort sein Mittagessen auf den Flur erbrach, grenzte an ein Wunder, welches den Vergleich mit der blutenden Madonna nicht zu scheuen brauchte. Und dieser eingebildete Affe mit seiner Seidenkrawatte will ihm Vorhaltungen zu seinem Verhalten im Einsatz machen ? Wohl der schlechteste Witz seit diesen „Superstars“, die einen seit Monaten mit ihren kreissägeartigen Artikulationsorganen bis weit hinter die Schmerzgrenze traktierten.

Diesen aufgeblasenen Schwippschwagers eines schwangeren Pavianweibchens würde er nur zu gerne mal draußen sehen. Da, wo die wirkliche Medizin passiert. Wo echte Männer noch im Schweiße ihres Angesichts mit beiden Armen bis zum Anschlag in den Lebenssäften unglücklicher Seelen stecken. Immer bereit ihr Äußerstes zu geben, um dem Sensenmann eine weitere Seele aus den eiskalten Krallen zu entreißen. Und sei es nur für einige kurze Minuten, bis die unfähigen Hände von Pflegepersonal, das erbärmliche Halbwissen von Studenten und AiP’lern , oder die großkotzerische und anmaßende Besserwisserei von Chefärzten die redliche Arbeit zu nichte machen und die arme Sau auf die direkte Reise in den Hades schicken..

Aber dieser Wunsch würde ihm wohl niemals erfüllt werden. Solch eine Befriedigung, die ihn fast den Verlust seiner Ejakulationsfähigkeit Wert gewesen wäre, würde ich wohl auf ewig verwehrt werden. Nein, sein Schicksal war es, seine heimlichen Nachtphantasien nicht in Erfüllung gehen zu sehen. Für ihn hatte Fortuna eher die Aufgabe des ewigen Fußabtreters ausgesucht. Aber wie dem auch sei, seinen Unwillen wie einen glühenden Feuerhaken der sein beginnendes Magengeschwür weiter nährte, hinunterschluckend, streckte Dolor seine von Leid gestählte Hand in Richtung Türklinke, bereit alle infantilen Verbalinjurien, die das unterentwickelte Hirn seines Chefs produzierten, mit der gleichen stoischen Gleichgültigkeit zu tragen, die ihm schon oft geholfen hatte in der Schlacht mit den sozial wie intellektuell unterentwickelten Verstand und seine Nerven zu behalten.

Mit einem tiefen Atemzug begann er die Klinke herunterzudrücken, als plötzlich sein Piepser erklang. Himmlische Chöre ! Frohlocken und Hosianna in der Höhe ! Die Pein, die Schmach, alles erspart. Erkauft durch eines anderen Leid, mag sein. Aber Leid und Freud liegen doch oft genug nahe nebeneinander.
Mit geschwinden Schritten wandte sich Dolor der verhassten Türe ab und machte sich auf den Weg zum NEF.

Entstanden auf dem Medi-Learn Offline-Treffen im Oktober 2003 - besten Dank an Sani, die aus der "Arztschrift" von Pascal einen computerlesbaren Text gemacht hat ;-).

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