Es ist vollbracht – auch wenn‘s auf der Zielgeraden nochmal anstrengend wurde. Am Freitag war ich mit einem Kollegen in einer Berufsschule der Landeshauptstadt, um angehenden med. Fachangestellten ein wenig Notfallmedizin beizubringen. Der Kurs endete mit Kopfschmerzen und Motivationsproblemen und vier Teilnehmerinnen, welche sich einem Nachtest unterziehen durften. Abgefragt wurden grundlegendste Begriffe der Ersten Hilfe, insgesamt wurden 30 Punkte vergeben. Die Grenze zum Erhalt der Bescheinigung lag bei 15 erreichten Punkten. Von 4 Teilnehmerinnen erhielt eine aufgrund fehlender Bereitschaft zur Testteilnahme 0 Punkte, die anderen drei erzielten hervorragende 15, 16 und 18 Punkte. Wenn man die Teilnehmer eines EH-Kurses für Bauarbeiter und Metzger nach einem Kurs mit diesen Fragen konfrontiert, ist ein durchschnittliches Ergebnis von 20-25 Punkten normal; Also – Vorsicht beim nächsten ArztbesuchJ
Gestern Abend ging’s dann wie erwähnt zur letzten Nachtschicht. Kurz vor Dienstbeginn hatte ich die Möglichkeit zum Erwerb einer Tafel Schokolade, welche den Abend über als Essen reichen musste. Pünktlich um 19 Uhr starteten wir mit dem von den Kollegen mit laufendem Motor vor der Wache übergebenen RTW und tauschten noch eben schnell unsere Helme – dann ging’s bis in die frühen Morgenstunden erst mal rund.
Unser erster Patient erwartete uns im Krankenwagen des Sanitätsdienstes auf einem größeren Firmenfest. Der ca.30-jährige Patient gab an, eine Wespe verschluckt zu haben und von dieser „von innen“ in den Hals gestochen worden zu sein. Neben einer heiseren Stimme zeigte sich eine stecknadelkopfgroße Schwellung im Bereich des Larynx, umgeben von einer diskreten Rötung (welche allerdings auch durch die bereits eingeleitete Kühltherapie verursacht worden sein konnte).
Eine Infusion war durch den Sanitätsdienst bereits angelegt worden, lief allerdings leider paravenös. Wir bedankten uns artig für die Übergabe durch das Sanitätspersonal, wechselten in den RTW und starteten eine fixe Untersuchung. Dyspnoe und Stridor waren weder durch den Patient bemerkt noch auskultatorisch feststellbar, die Kreislaufparameter stabil. Anamnestisch ließen sich neben Pollinosis lediglich einige verheilte Sportverletzungen erheben. Der Rachenraum wirkte –soweit einsehbar – nicht gereizt und zeigte keine Schwellung. Während längerer Sprechphasen des Patienten legte sich auch die heisere Stimme, sodass – passend zur gesamten Art – auch eine psychogene Komponente zu ahnen war. Ohne lange Zeitvergeudung machten wir uns auf den Weg in Richtung Krankenhaus; Die Fahrzeit konnte ich geschickt zur Anlage einer neuen –intravenös liegenden – Venenverweilkanüle nutzen – über diese gab’s einen halben Liter Ringer-Laktat, gefolgt von Kortison, H1+H2-Blocker in der Notaufnahme. Ob das Insekt wirklich „von innen“ gestochen hatte wird schwer nachzuweisen sein, allerdings schien aufgrund der äußerlich wahrnehmbaren punktuellen Schwellung ein klassischer Stich „von außen“ eher wahrscheinlich. Zudem hätte ich bei einem Stich innerhalb des Larynx einen auskultierbaren Stridor erwartet, der sich bis zur Entlassung aus der NA nicht einstellte…
Wir düsten schnell – diesmal in Begleitung des Notarztes – zu einer ~70-jährigen Dame, welche mit ihrem eigenen Blutdruckmessgerät Werte von 190mmHg systolisch gemessen hatte. Auf Nachfrage gab die Patientin zudem einen bds. temporalen Klopfschmerz sowie einen retrosternalen Druck an. Der vom Ehemann gelieferte Medikamentenplan zeigte ASS sowie Lipidsenker, Beta-Blocker und einen ACE-Hemmer. Vor einigen Jahren war im Rahmen einer PTCA wohl ein Stent implantiert worden. Während wir ein wenig EKG-und Vitalparameter erhoben gesellte sich der Notarzt zu uns; Der NEF-Fahrer hatte auf der Anfahrt wohl ein wenig mit dem Navi zu kämpfenJ
Im EKG zeigte sich ein LSB, der aufgrund fehlender medizinischer Unterlagen nicht als bekannt abgetan werden konnte. Demnach gab’s 500mg ASS, 5000 IE UFH und 0,8mg Nitrolingual, gefolgt von 10mg MCP und 5mg Morphin im RTW. Mit Sonderrechten ging’s in Richtung Innere Ambulanz, wo sich in einem älteren Arztbrief der LSB zwar als bekannt herausstelle, aber immerhin laborchemisch ein Infarktverdacht aufdrängte.
Wir dümpelten in wenig durchs Städtle, bis ein weiterer Notarzteinsatz bei einer bewusstlosen Person den raschen Einsatz erforderte. Es erforderte einige Klingelversuche, bis am anderen Ende der Sprechanlage eine offensichtlich lallende Stimme antwortete und uns kundtat, dass ein Einsatz des Rettungsdienstes nicht von Nöten sei. Dennoch wurde auf freundliche Nachfrage die Tür geöffnet, sodass wir im zweiten OG einen Mittfünfziger erleben durfte, der im alkoholisierten Zustand auf dem Balkon gestürzt war und laut Angaben der mittlerweile im Treppenhaus vertretenen Nachbarn für kurze Zeit nicht reagiert hatte. Dies verneinte der ältere Herr vehement und lehnte einen Transport ins KH kategorisch ab. Im Bereich der linken unteren Rippen zeigte sich eine kleine Schramme, welche der Herr jedoch als wenig schmerzhaft abtat. Der Notarzt bemühte noch eben sein Stethoskop, um bei unauffälligem Auskultationsbefund dem Herrn nach wiederholter Ablehnung des Transports einen „guten Abend“ zu wünschen (Fehlfahrt -1). Wir machten uns derweil auf den Weg zum Polizeirevier der Nachbarstadt, wo ein 15-jähriger junger Mann nach einer gewaltsamen Auseinandersetzung mit der Mutter zur Abklärung ins Krankenhaus verlegt werden sollte. Der uns begrüßende Polizist beschrieb bereits die bei Auffindung des Herrn bestehende Aggressivität und „warnte“ vor der lockeren Zunge des jungen Herrn. In der Zelle fanden wir einen sich totstellenden Patienten vor, der Ansprache und körperliche Untersuchung ohne Reaktion über sich ergehen ließ. Die wohl zu erkennungsdienstlichen Maßnahmen nötige Aufnahme mit der Digitalkamera verwandelte unseren Bewusstlosen innerhalb von Sekunden zu einem tobenden Ungeheuer, welcher allerdings fix fixiert war. Wir machte uns halb gehend – halb schleifend auf den Weg zum RTW, wo die Situation vollends eskalierte. Nach einem versuchten Kopfstoß gegenüber einer Polizistin ging’s zügig auf den Boden des RTW’s und mit Hilfe einiger Beamter zurück in die Zelle – offensichtlich schien es ihm gesundheitlich ja nicht allzu schlecht zu gehen (Fehlfahrt -2). Wir düsten weiter in Richtung Bahnhof, wo eine Bewusstlose Person unserer Hilfe bedürfen sollte. Eine Familie empfing uns und berichtete von einem auf einer Bank sitzenden Bewusstlosen – hier reicht in aller Regel erfahrungsgemäß der Kreislaufkoffer. Der junge Mann war wie erwartet weder bewusstlos noch akut hilfebedürftig und bewegte sich bereits nach freundlicher Ansprache in eine stehende Position. Mit Eintreffen der Polizei ließ sich auch eine zügig und sicher gehende Fortbewegungsweise ausmachen, sodass wir unseren Einsatz an dieser Stelle beendeten. (Fehlfahrt-3). Derweil wünschte eine junge Dame – selbst Krankenschwester – unsere Hilfeleistung, da seit einer Stunde eine innere Unruhe sowie eine extreme Tachykardie zu verspüren sei. In der Wohnung zeigte sich eine lächelnde Patientin, die in der Tat einen SR von bis zu 110/min aufwies und sich –mehrmals wiederholend – über die innere Unruhe beklagte. Auf Nachfrage wurde der Konsum von 1l Cola bei sonstiger Koffein-Abstinenz erwähnt, was unserer Einschätzung nach durchaus der auslösende Faktor für die beschriebene Symptomatik hätte sein können. Sowohl Patientin wie auch –telefonisch zugeschaltet – Mutter vermuteten jedoch eher eine Schilddrüsenerkrankung oder einen kardialen Auslöser und bestanden auf einen Transport…-Bitte, gerne…
Im Anschluss ging’s in die Nachbarstadt, da ein bekannt an Depressionen leidender und mit Mirtazapin eingestellter Patient nach Konsum von mehreren Gläsern Wein wohl bewusstlos in der Wohnung liegend würde – dieser Patient war ebenso bewusstlos wie der Kandidat vom Bahnhof, diesmal brauchte es sogar die Berührung der Schulter mittels Zeigefinger, um ein spontanes Aufsitzen des Patienten zu provozieren. Nach kurzer Verhandlung verblieb auch dieser Patient in Obhut der Freundin zu Hause (Fehlfahrt – 4). Auf dem Heimweg gab’s den nächsten Auftrag durch die Leitstelle – der am Abend besuchte Herr, welcher auf dem Balkon im Rausch gestürzt war, erbat sich nun neuerdings Hilfe. Nun war aufgrund zunehmender Schmerzen – bei abklingender Analgesie durch den Alkohol – das Pieken der Rippen beim Schlafen doch unangenehm geworden, sodass ein Transport im RTW nötig wurde (Privatrechnung, zu Fuß in den RTW).
Uns war derweil ein kurzer Stopp an der Wache zu Teil geworden, welcher zum Essen eines Portion Reis ausreichte und in einem Nickerchen im Aufenthaltsraum führte. Um vier meldete sich erneut die Leitstelle, da ein weiterer Patient vom am Abend bereits visitierten Polizeirevier ins Krankenhaus verlegt werden sollte. Ich genoss mein Beifahrerleben und döste noch ein wenig bis zu Eintreffen, um dann den angetrunkenen Mittdreißiger im RTW zu betreuen. „Ausschluss Commotio nach Sturz“ hatte der AVD auf die Einweisung gekritzelt, was auch sachgemäß durchgeführt wurde. Die Fahrstrecke von ca. 10km nutzte der Patient intensiv zum Plaudern und beklagte sich – mittlerweile war es kurz vor 5 Uhr- über mangelende Empathie meinerseits. Den auf der Zunge liegenden Monolog über die Gefahren des Alkohols und die anstrengende Art alkoholisierter Patienten ersparte ich mir, nickte freundlich und verabschiedete mich- mittlerweile auf der chirurgischen Ambulanz angekommen. Halb sechs- ab ins Bett und das offizielle Dienstende feierlich verschlafen. Schön warsJ