Nun ist’s mal wieder Zeit für einen etwas ausführlicheren Rundumschlag, da der Arbeits -und Freizeitaufwand der letzten Woche ein entspanntes Tippen nicht zulassen wollte. Ein schneereiches Wochenende liegt hinter uns, welches wir in gewohnter Konstellation auf unserer Rettungswache genießen durften. Am Samstag hatten wir zudem unseren neuen RA-Praktikant an Bord.
Kurz nach einem ersten Frühstücksversuch teilte uns die Leitstelle einen Auftrag in einem ca. 8 Minuten entfernten Stadtteil zu, den wir auf weißer Piste nach 12 Minuten erreicht hatten. Die Einsatzmeldung „Kind 3 Jahre, bewusstlos“ lässt spektakuläres erwarten, erwies sich jedoch auch in diesem Fall als „harmloser“, banaler Krampfanfall. Mit schreiendem, verstörtem Kind einen Untersuchungsmarathon zu starten war weder in meinem noch im Sinne des Notarztes, sodass wir uns nach kurzer Lageerkundung und Fremdanamnese aus der Wohnung zurück zogen und im Flur auf die Alarmanlage warteten, die sich im weiteren Verlauf jedoch etwas beruhigt hatte. Nach unkompliziertem Transport in die Kinderklinik konnten wir nach einem kurzen zweiten Frühstücksversuch in unserer verschneiten Heimatstadt zu einem „Herz-Kreislauf-Notfall“ rutschen. Eine 91-jährige Dame, die nun anämisch in ihrem Ohrensessel saß, hatte wohl den ganzen Morgen über Unwohlsein geklagt und zeigte eine leichte Tachykardie. Etwas unverhofft kam unser RA-Praktikant zu seiner ersten präklinischen Viggo-Anlage, was er jedoch unter ärztlicher Aufsicht und verbaler Führung gut meisterte. Nach einem unauffälligen 12-Kanal-EKG und weiterer Diagnostik gab es fraktioniert 4 mg Metoprolol, und wir konnten uns mit der beschwerdefreien Dame in Richtung der Inneren Ambulanz in Bewegung setzen.
Da wir in Sachen Kindernotfälle ja bereits in Übung waren, durften wir – diesmal ohne Notarzt – zu einem „Kind, 3 Jahre, Z.n. Sturz“ düsen. In der Wohnung begrüßten uns Vater, Mutter, Patient, ein weiteres Kind und der liebevolle Wachhund, der offensichtlich noch nicht gefrühstückt hatte. Nachdem dieser Kläffer im Badezimmer etwas Bedenkzeit bekam, konnten wir uns um den kleinen Mann kümmern, der im spielerischen Toben vom Sofa gestürzt war und mit dem Hinterkopf gegen einen Blumentopf gestürzt war. Da dieser einen verhältnismäßig scharfen Rand hatte, zeigte sich occipital ein ca. 1,5 cm langer, schmaler Streifen, der offensichtlich durch den Blumentopf verursacht worden war. Nach kurzer Unmutsbekundung wurde der junge Mann jedoch schnell zutraulich und wir kamen ins Gespräch. Im weiteren Verlauf durfte ich sogar in die Pupillen leuchten und unser Praktikant den Puls tasten. Da keinerlei Symptome einer Commotio vorlagen und der junge Mann „fit“ wirkte, tuckerten wir in aller Seelenruhe in die Kinderklinik und konnten ihn dort mit seiner Mutter in die Hände der Pädiaterin übergeben.
Anschließend stand einem vollständigen Frühstück nichts mehr im Wege, und wir konnten uns in aller Seelenruhe unseren Wochenend-Tätigkeiten widmen. Nachdem dies erledigt war, stand das nächste Highlight auf dem Programm: Einweisung aus der Notfallpraxis…
Dort angekommen erwartete uns eine adipöse, ungepflegt wirkende ältere Dame, die etwas angestrengt auf der Untersuchungsliege saß und offensichtlich gestaut war. Nach kurzer Zeit stürmte auch schon die Dienst habende Internistin ins viel zu kleine Zimmer, überreichte uns die Papiere und erklärte, dass die Patientin im 30m entfernten Krankenhaus bereits angemeldet sei. Nach kurzer Nachfrage konnte sie uns zudem die Diagnose „kardiale Dekompensation, Lungenödem, Stauungspneumonie“ verraten. Die Frage nach dem EKG wurde verneint, da die Patientin einfach schnell ins Krankenhaus müsste… Notfallpraxis live eben…
Nach kurzer Vorstellung retteten wir die Patientin auf unsere Trage, tuckerten in den RTW und ließen unseren Praktikanten ein wenig „arbeiten“. Ich war sehr erfreut, dass er die Notwendigkeit eines EKG’s erkannte, während ich den wie üblich schweinisch fixierten Zugang neu fixierte. Dummerweise zeigte sich nach Anbringen der EKG-Elektroden auch ein Rhythmus auf dem Schirm, den es zu beurteilen gab. Alternativ dazu bot ich die Auskulation der Lungen an, die schon ohne Stethoskop ein relativ klares Ergebnis preisgaben. Nach 2-minütigem, intensivem Lauschangriff wurde die Einweisungs-konforme Beschreibung „das klingt komisch“ getätigt, was ebenfalls einer kurzen Erklärung in der Naschbesprechung Raum gab. Nach 4l/min Sauerstoff ging’s ohne weitere Maßnahmen die 30 Meter ins Krankenhaus, wo sich das aufnehmende Team bereits auf die Ankunft freute.
Gegen Nachmittag hatten wir noch einen Auftritt in der Sporthalle, da sich dort eine 24-jährige beim Handball die Achillessehne verletzt hatte. Nach kurzer Untersuchung bewegte sich der Verdacht eher in Richtung Zerrung, die Patientin konnte trotz der leichten Schmerzen und dem bevorstehenden Krankenhaustransport noch lachen und die Zuschauer glotzen. Nun stellt sich immer die kritische Frage des Transports. Einige Kollegen wurden sich wohl für „Trage“ oder „Tragestuhl“ entscheiden, ich entschloss mich in Rücksprache mit der Patientin für ein humpelnd-hüpfendes Verlassen der Halle. Da die Patientin bei dieser Art der Fortbewegung keine Schmerzen empfand und sicher durch meinen RAiP und mich gestützt wurde, waren mit Ausnahme eines besonders schlauen Zuschauers („man könnte ja auch etwas schaffen wollen und die Bahre holen…“) alle zufrieden.
Auf der Rückfahrt vom Krankenhaus in Richtung unserer Wache holte uns ein weiterer Einsatz mit dem Namen „Sturz“ ein. An der besagten Adresse fand sich der gewünschte Name, so dass wir zielstrebig die Wohnung betraten und dort einen 92-jährigen vorfanden, der von seiner kompletten Familie betreut und vormündisch vertreten wurde. Er sei gestern Abend beim Schuhe binden aus dem Gleichgewicht geraten und auf dem Rücken gestürzt, und seitdem seien wohl zunehmende Schmerzen im LWS-Bereich zu verzeichnen, welche beim Aufstehen oder Kompression der besagten Region wohl zunehmen würden. Da die Tochter bereits sicher war, dass ein Röntgenbild nötig sei, tuckerten wir ohne weitere Diskussion mit der Verdachtsdiagnose LWS-Prellung ein weiteres Mal ins Krankenhaus und freuten uns, dass der Patient selbst in den RTW marschierte, sich auf unseren Thron setzte und in der Fahrzeughalle den Weg zur Ambulanz ebenfalls selbst zurück legte…
Gestern war dann der Tag des Herrn. Nach kurzem Frühstück und Erledigung der EDV-Tätigkeit konnte ich mich in aller Ruhe dem Studium meiner wieder ausgegrabenen „Fragensammlung Rettungsdienst“ widmen. Nach ca. Stunden düsten wir zum ersten Mal zum Einsatz, hier sollte es um einen Sturz, der zu einer Schmerzbedingten Synkope geführt hatte, gehen. Am Einsatzort fanden wir eine 18-jährige Dame vor, die auf dem Badteppich liegend vom Vater betreut wurde. Nach kurzer Vorstellung konnten wir anamnestisch erfahren, dass sie wohl die oberste Treppenstufe nicht gesehen hatte und daraufhin die folgenden 11 Treppenstufen in unorthodoxer Weise zurückgelegt hatte. Nach Ankunft im gewünschten Stockwerk sei sie vor Augen der herbeieilenden Vaters schnell aufgestanden und für ca. 10s in sich zusammen gesackt. Ein orientierender Bodycheck ergab keinerlei Verletzungen, ebenso eine gründlichere Untersuchung. Die Vitalparameter waren sensationell, neben einer Hypothyreose war die Frau altersentsprechend gesund und 4-fach orientiert. Nachdem die Frau aufgestanden war und sich selbst ein testweise wenig durchbewegt hatte den Einsatz an dieser Stelle zu beenden, verordneten 2 Stunden Sofaruhe mit Tee und verabschiedeten uns. Danach ging’s zum ACS in die entgegen gesetzte Richtung, wo uns das NEF der Nachbarwache unterstützte. Passend zur Nationalität füllte sich die Wohnung innerhalb der nächsten 15 Minuten mit ca. 20 weiteren Beobachtern, deren Fragen natürlich auch beantwortet werden wollten. Nach Abgabe dieses Patienten auf der Inneren Ambulanz forderte uns die Notfallpraxis , zusammen mit „unserem“ NEF, zu einem weiteren ACS. Auch hier ging’s Algorithmen-konform fix, sodass wir mit dem gestressten Unternehmer nicht allzu lang fackelten und auch diesen der Inneren Ambulanz zuführten. Nun war unser RTW in Sachen Medikamente leer, sodass wir uns zur Wache zurückzogen, um uns wieder ACS-klar zu machen. Es kam jedoch, wie es kommen musste:
Die Polizei forderte zu einem Sturz, wo die Beamten die Tür wohl nicht öffnen konnten.
Bei näherem Hinsehen handelte es sich hierbei um die Tür einer ca. 80cm² großen Toilette in einem völlig überheizten schwäbischen Haushalt, hinter der sich der Besitzer des Hauses befand.
Mein Kollege presste sich heldenhaft durch den engen Spalt und konnte drinnen nach ordentlichem körperlichem Einsatz den Patient so platzieren, dass sich die Tür aushängen ließ. Unser Patient war schwäbisch dumm, was sich offensichtlich auch auf den mittlerweile eingetroffen Enkel vererbt hatte. Nach kurzer Diskussion konnten wir ihn jedoch davon überzeugen, dass ein Druck von 220mmHg und die Hemiparese nicht vom unbequemen Liegen kommen, und uns auf den Weg zu unseren geliebten Inneren Ambulanz machen. Mein Kollege hatte sich jedoch bei diesem Toilettenkampf auf engstem Raum in beachtlicher Menge mit den Patienteneigenen Fäkalien beschmutzt, was olfaktorisch wie auch optisch zu beleidigen wusste. Es kam, wie es kommen musste: Just in diesem Moment tobte im Kreis der Bär, und ich durfte mit meinem stinkenden Beifahrer eine demente Dame auf einem Feldweg einfangen. Deren Zustand war den Ersthelfern verständlicherweise komisch vorgekommen, nachdem sie auf der Suche nach Energie den Feldweg auf -und abgerannt war. Im RTW zeigte sich ein Exelon-Pflaster im Nacken, sodass wir unsere Verdachtsdiagnose fix gefasst hatten. Da keinerlei Klinikindikation bestand, entschlossen wir uns zu einem „Heimtransport“. Dort war jedoch die ganze Familie zu einem Ausflug aufgebrochen, und die Oma in ihrem aktuellen Zustand ohne Betreuung mit Sicherheit nicht in Sicherheit…Nach unzähligen frustranen Telefonanrufen bei Verwandten und Freunden fand sich ein Nachbar, der allerdings auch nur kurze Zeit aufbringen konnte. Da die Heimkehr der Familie wohl laut Nachbar noch bis zu 4 Stunden dauern könnte, entschlossen wir uns die Dienste des Notfall-Nachsorge-Dienstes (in diesem Fall: Betreuung) in Anspruch zu nehmen. Kurz nach dessen Alarm – ich hatte gerade einen Tee für unsere Patientin gekocht – erreichte die Familie das Haus und wollte mit barschem Ton erfahren, was denn eigentlich los sei. In einem freundlichen 3-Minuten-Vortrag erklärte mein Kollege die Sachlage, die daraus möglichen Konsequenzen sowie den logistisch gestarteten Aufwand, was immerhin zu einem kurzen „Danke“ reichte. Nach Abbestellung des NND verließ auch ich freundlich grüßend die Millionen-Hütte und wies auf den frisch aufgebrühten Pfefferminztee hin…
Alles in allem ein spannendes Wochenende, woraufhin nun eine Woche „Überstundenfrei“ und Schneeschippen folgt.