Sechs von sieben Nächten sind geschafft, und die Vorzeichen stehen für die Letzte gut. Guter Kollege und guter Notarzt sowie ausgiebiges Abendessen versprechen entspannte restliche 12 Stunden. Die Woche über habe ich versucht ein wenig Protokoll zu führen, um eine statistische Auswertung zur Sinnhaftigkeit unserer Einsätze zu erhalten. Fazit einer ruhigen Nachtschichtwoche: 20 Einsätze in 6 Nächten, davon 2 Notarzteinsätze. Indiziert davon: 0 Notarzteinsätze, 8 RTW-Einsätze.
Nach dem Fußballspiel starteten wir gestern zu einer KTW-Einweisung. Im Anschluss ging’s in einen Teilort, wo eine 17-jährige wohl ein wenig zu viel ASS gevespert hatte. Die laut psychisch labiler Patientin zu therapierenden Spannungskopfschmerzen waren nach Einnahme von 7 g (!) Acetylsalicylsäure verschwunden, ein seit der Jahreswende bestehender Abusus diverser NSAID und MCP-Tropfen rückte in Anbetracht der aktuellen Menge in den Hintergrund. Wir waren wohl ca. 2 Stunden nach Giftaufnahme auf den Plan gerufen worden, erbrochen hatte die Dame noch nicht. Bei stabiler Hämodynamik und fehlender neurologischer Symptomatik konnten wir mit der Patientin nach Anlage eines PVZ in Richtung Kinderklinik verschwinden, was mir weitere 15 Minuten Psycho-Geplapper einbrachte. Faszinierend, wie ein Hausarzt diese Problematik wohl über Monate übersehen konnte. Kurz vor dem ersten Schlafversuch wurde der Rettungsdienstbereich nochmals aufgescheucht – für uns gab’s einen Notfalleinsatz in 3 Minuten Entfernung. Nach dieser kurzen Anfahrt warteten wir 7 Minuten vor der verschlossenen Haustür eines Mehrfamilienhauses, die sich vom „Tür-Summer“ nicht beeindrucken ließ. Nach Analyse des Problems durch den Ehemann der Patientin konnten wir uns zur Patientin durchkämpfen. Die 85-jährige Dame hatte seit ca. 2,5 h Kopfschmerzen und in dieser Zeit bereits zweimal zur Toilette müssen, was einem Zusammenbruch des Weltbilds gleich kam. Ebenso war seit ca. 5 Tagen ein atemabhängiger Thoraxschmerz aufgetreten, der vermutlich in Zusammenhang mit der Rippenserienfraktur vor 5 Wochen stand. Das eigenständige Absetzen des in diesem Zusammenhang eingesetzten Morphin-Präparats war nach Lektüre des Beipackzettels zwar verständlich, medizinisch jedoch wohl wenig sinnvoll. Neben dieser harmlos anmutenden Symptomatik imponierte eine psychisch labile ältere Dame, welche jegliche Aktion unsererseits mit großer Genugtuung verfolgte und sich auf die Gabe von 1l Sauerstoff auch kurzzeitig beruhigte. Der Schaumstoff der Nasensonde behinderte die Atmung jedoch im weiteren Verlauf derart, dass wir haarscharf an einem Erstickungsanfall mit massiv panischer Patientin vorbei schrammten. Das Hauptproblem waren im weiteren Verlauf nun nicht mehr Kopfschmerzen oder Atemnot, sondern der trockene Mund, welcher der Patientin einen weiteren Todeskampf abverlangte. Nach erfolgreicher Abwehr dieser Gefahr konnten wir die Patientin nun endgültig auf der Inneren Ambulanz abliefern, von wo aus sie nach 90 Minuten den Heimweg per Taxi antreten konnte. Nach erholsamen 2 Stunden Schlaf ging’s gegen Morgen noch zu einer 52-Jährigen, welche sich im Bett das Sprunggelenk verknackst hatte und selbiges nun nicht mehr belasten konnte. Auch hier war nach Anwendung eines Kühlpacks sowie einer Kurzzugbinde nicht allzu viel weiteres notfallmedizinisches Geschick gefragt, sodass wir auch hier nach kurzer Versorgungsphase in Richtung Klinik düsen konnten. Bereits in der vergangenen Nacht hatten wir gegen 1 Uhr das Vergnügen unseren Jung-Notarzt bei einer kindlichen Atemnot zu erleben. Wir hatten ca. 2 Minuten Vorsprung vor dem NEF, sodass wir den Patienten samt Mutter bereits vom Straßenrand auf die Trage beordern konnten. Der mit 4,5 Jahren wohl schon Krupp-erfahrene junge Mann hatte von der Mutter bereits ein Prednisolon-Suppositorium erhalten, schnaufte suffizient bei guter Sättigung (SPo2 299%, 160bpm) und bellte munter vor sich hin. Mit Ausnahme des Bellens stand unser Notarzt ihm in nichts nach, konnte sich dann jedoch zur inhalativen Anwendung von Suprarenin durchringen. 10 Minuten später waren wir in der Kinderklinik und konnten Beide ohne Bellen an die wartende Pädiaterin übergeben. Trotz diverser Dispute bezüglich der Dosierung hatte sich die 50/50 Mischung mal wieder als suffizient dargestellt und die Herzfrequenz in keinster Weise negativ beeinflusst.
Nun geht’s fix zur letzten Nacht. Hoffen wir, dass wir in der Statistik noch ein wenig in der Spalte „indiziert“ punkten können….
