Die erste Woche wäre vorbei, meine Einarbeitung damit auch erledigt. Wahnsinn! Keine Ahnung von nichts, gut die administrativen Sachen bekomme ich schon irgendwie hin, aber doch muß man nüchtern konstatieren, daß man als Rettungsassi in der Klinik seine Schwierigkeiten hat. Es ist grundsätzlich ein anderes Arbeiten, vor allem der bürokratische Faktor scheint vom Notfallort bis in die Zielklinik einer Exponentialfunktion zu folgen.
Alles in allem muß ich sagen, daß es sicherlich nicht schlecht ist, diese letzte Erfahrung zu sammeln, ehe es ins Studium und folglich auch wieder zurück in die Landrettung geht. Aber ich bin jetzt schon fröhlich gestimmt, daß das alles in weniger als einem Jahr sein Ende finden wird. Klaro, man kann jetzt meinen, ich gäbe dem Ganzen keine Chance, aber man merkt schnell, welche Arbeit viel Spaß macht und welche weniger… und da ist mir die präklinische Notfallmedizin mit ALL ihren Facetten doch lieber, als Gomercity eines größeren Uniklinikums, wo ständig Patienten hineingesurft werden – von den own bussiness surfern mal ganz zu schweigen, die werden weiter unten in einem gesonderten Kapitel abgehandelt – über deren weitere Klinikumskarriere man sich dann schnellstens Gedanken machen kann… sofern man denn freie Betten findet.
Und WAS da teilweise so kommt… man man man. Ganze Altenheime, die pünktlich Freitag abends ihre Flure leerfegen wollen, weil scheinbar Schwester Ludmilla die Krätzmilbe hat und dementsprechend ausfallen wird und eben nicht 87 Patienten versorgen kann. Tja, da landet dann das ohnehin schon präfinale internistische Polytrauma bei uns auf einer höchst kommoden Trage, die jeder Dekubitusprophylaxe zum Trotze für ca. 6 Stunden, je nach Diagnostikschema, dessen Bettersatz sein wird. Dann BE, Infusuionstherapie, Monitoring…
Grandios sind meist die Selbsteinweiser… manche haben wirklich was und dann auch richtig… aber die “anderen” sind schlichtweg die Krönung der Schöpfung der Gattung “cerebral entkerntes humanoides Wesen”!
“Ei, verbibbsch… da hatt’ ich solsche Rückeschmerze… da dacht’ isch mir, da komm isch do e mal in die Notaufnahme…!”
Ja, so stand er da und vertraute auf unsere Ernsthaftigkeit und Hilfe, in dieser schlimmen Situation. So schlimm, dass er davon desnachts erwachte… au au au! Man hätte das darauffolgende Anamnesegespräch vertonen sollen… es hätte jeder Art von Comedy perfekt gedient und meinen Geldbeutel sicherlich aufpoliert. A propos Geldbeutel: eine Gefahrenzulage sollte man auch versuchen bei seinem Arbeitgeber zu beantragen, wenn man Sonntag nachts angedroht bekommt, man würde auf der straße erkannt werden und dann Fratzengulasch serviert bekommen. Sorry, aber da hört für mich der Spaß auf… ein wenig Angst hatte ich vor dem Typen schon. Und wenn andere darüber Witzchen machen, so bleibt mir gerade nur die schöne Erinnerung, an das was vorher war und die bittersüße Hoffnung, daß einfach alles gut werden muß und ich mich dann wieder auf einem Rettungswagen wiederfinden werde.
Es fällt mir momentan schwer, die contenance zu bewahren. Ab und an schiebe ich einen derartigen Hals auf meine Arbeit und die beknackten Patienten, daß ich einfach froh bin, Menschen um mich herum zu haben, die ein wenig die Feinheiten meines emotionalen Auf und Abs zu interpretieren wissen (obwohl ich ja nicht der Mensch der großen Worte bin, wenn es um mein Gefühlsleben geht und damit einigen sehr wichtigen Menschen schon gehörig über die Magengrube gelatscht bin…) … daher schließe ich mit den Worten Brechts, die mich in dieser Woche per Post aus meinem Elternhaus erreicht haben und mich einige Tränchen gekostet haben:
"Die Schwachen kämpfen nicht,
die Stärkeren kämpfen vielleicht eine Stunde lang.
Die noch Stärkeren kämpfen viele Jahre,
die Stärksten kämpfen ihr Leben lang:
diese sind unentbehrlich!"
Ich hoffe einfach, daß ich das alles schaffe wieder in den Griff zu bekommen und daß sich diese übel riechende braune Masse, die sich ungefragt über mein Leben gelegt hat, mitsamt ihres Kotzaromas bald verflüchtigen möge….