
Die Notaufnahme ohne Patienten… ein Stilleben
Prolog: Manches Mal war es schön, diese Ruhe, keine piepsenden Infusomaten, Perfusoren oder alte Menschen, die ächzen und stöhnen, weil sie lieber sterben möchten, denn auf diesen Tragen zu vegetieren.
Es gab Tage, an denen ich unser System verteufelte, Angehörigen am Liebsten die Beulenpest an den Hals gewünscht hätte und einfach mitgelitten habe. Unsere Sterbekultur ist überdenkenswert – es darf nicht mehr ohne Nutzen der modernen Intensivmedizin hinübergeschieden werden! Da rufen die Kinder den Rettungsdienst, dem leider auch die Hände gebunden sind und setzen gleichzeitig einen dicken Haufen auf den letzten Willen des Elternteils. Da kommen wimmernde Senioren mit dem Rettungsdienst in die heiligen Hallen der Notaufnahme, die nur noch flüstern: “Lasst mich doch sterben!” Meist wollten sie auf Nummer sicher gehen und haben sich mit einem oder gleich allen ihrer Medikamente intoxikiert.
Was will man auch noch in dieser Welt, in der Entfernungen sozialer Natur räumlich immer größer werden und man in einem Alter ist, in dem man die Vernetzung und gleichzeitige virtuelle Annäherung verpasst hat? Wenn der Ehepartner verstorben ist und man alleine ist? Wenn ein Krebsleiden diagnostiziert wurde und prognostisch man ohnehin vom einigermaßen rüstigen Menschen in seinen letzten Jahren zum Pflegefall mutieren wird, ohne dass sich dies aufhalten ließe?
Ich möchte hier sicherlich nicht die Lanze für den Freitod brechen, jedoch um etwas mehr Verständnis für diese Menschen werben. Ich, die sonst immer Suizidalität verteufelt, weil es verdammt nochmal egoistisch ist, einfach so das Leben hinter sich zu lassen ohne Gedanken an die Mitmenschen… aber was ist, wenn da ohnehin niemand mehr ist? Darf man dann denjenigen nicht diesen letzten Wunsch zugestehen? Warum ist es so unmöglich in unserer heutigen Zeit eines natürlichen Todes zu sterben? Mit natürlich meine ich, den Tode im Kreise der Familie oder zumindest in dem häuslichen Umfeld. Ich zumindest könnte mir für meine Familienangehörigen und mich nichts Schlimmeres vorstellen, als anonym im Krankenhaus zu versterben, womöglich noch des Vegetierens bewusst… und ich konnte mir für mich auch in meinem Beruf noch nie etwas Schlimmeres vorstellen, als ohnehin eine dem Tode geweihte Person über 80 Jahren noch das intensivmedizinische Kehrpaket mitgeben zu müssen, was Reanimation und Pharmakotherapie beinhaltet… irgendwann muss auch mal Schluß sein!
Nach diesem emotional etwas überfrachtetem Prolog (ich bitte um Entschuldigung…) nun zu den tagesaktuellen Punkten:
Mein Vertrag in der Notaufnahme geht dem Ende zu, derzeit feiere ich meine letzten Urlaubstage ab und stelle mich auf die Dinge, die da folgen werden, ein.
Am vergangenen Freitag hatte ich meinen letzten Arbeitstag, es gab nach dem Dienst noch Sekt und Bier mit den netten Kollegen. Einige Leute sind mir ans Herz gewachsen, wieder andere werde ich nicht vermissen. Mein Resumée über die zwei Betätigungsfelder fällt definitiv für die Arbeit im öffentlichen Rettungsdienst positiv aus. Im Krankenhaus sieht man zwar, wie es weitergeht, jedoch ist auch das ein Job, der viele stupide Routinearbeiten beinhaltet und ganz gewiss könnte man für 60% der Arbeit auch einen dressierten Affen einstellen (wäre mir manchmal lieber gewesen, so anstelle mancher Kollegen… ich mag Affen
). Da ist die Arbeit “draußen” doch ein wenig aufregender – allein die Fahrt zum Einsatzort und die Situation, die man vorfindet! Insbesondere das selbstständige Arbeiten, die wirkliche Teamarbeit (das gab es in der Form in der Klinik nicht; manche schienen sich tagtäglich aufs Neue Taktiken überlegt zu haben, um den “Kollegen” das Leben schwer zu machen) und einfach die Abwechslung. Irgendwie konnte man da etwas mehr sein Hirn benutzen, mittlerweile kommt es mir beinahe so vor, als sei der Schwamm da oben gänzlich trocken gelegt… :-/
Es bleibt nun die Vorfreude auf die Jahresfortbildung meiner Rettungswache Mitte April mit netten Kollegen und hoffentlich interessanten und lehrreichen Tagen. Am Ende steht jeweils eine mündliche, praktische und schriftliche Prüfung an, bis dahin heißt es also noch ein bisschen lernen und zwischendurch die Osterfeiertage mit Freunden in der Schweiz zu verbringen!
Somit verabschiede ich mich von meinem Job mit diesem Bild, wünsche dem geneigten Leser einen guten Start in die Woche und verkrümmele mich jetzt mal am Stück
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