Soso…

20. Mai 2010 geschrieben von patrick

Anästhesieambulanz. Der Junge Mann ist 19 Jahre alt und soll für eine Narkose aufgeklärt werden um ihn von seiner Leistenhernie zu befreien. Vor mir sitzen 100kg Lebendgewicht sorgsam und wohlproportioniert verteilt auf  199cm. Der Kerl sieht aus wie ein Wikinger, Vollbart, Pferdeschwanz, alles dabei… Sowohl an den Unterarmen als auch an den Unterschenkeln lugen hochqualitative Tattoos hervor, in beiden Ohren, der Unterlippe und der rechten Augenbraue finden sich Metallapplikationen. Noch bevor ich “Hallo” sagen kann schallt mir ein “Ich muß ein EMLA-Pflaster haben bevor ihr mich piekst!!!” – für alle Nichteingeweihten, ein EMLA-Pflaster ist ein Pflaster mit lokalbetäubender Wirkung das meist Kinder vor Blutabnahmen oder anderen Pieksereien bekommen damit es nicht weh tut – Meine Frage dann natürlich: “Wieso?” Er: “Das hab ich bisher im Krankenhaus immer bekommen, ich hab Angst vor Nadeln!” Ich: “Aha…?!”

So muss es sein…

9. Mai 2010 geschrieben von patrick

Das war eine richtig gute Woche. Zwei Whipple und eine Zystektomie. Das klingt jetzt so als ob ich mich über Krebs freuen würde, aber ganz so ist es ja nicht. Das sind eben große OPs bei der man ziemlich viel auffährt, entsprechend auch gut zu tun hat und zeigen kann, dass man mehr drauf hat als nur Propofol zu spritzen und Blutdruck aufzuschreiben. Ein Whipple ist große Bauchchirurgie mit einer OP-Dauer von ungefähr sechs Stunden (zumindest kenne ich das so, kann sein daß das woanders schneller geht), die Zystektomie dauert noch länger. Es kann viel schief gehen, es kann mächtig bluten, man muss ziemlich auf den Flüssigkeitshaushalt achten, die Operateure nöhlen ständig rum der Patient sei nicht relaxiert (vorzugsweise wenn irgendwas nicht klappt) und man hat ein paar Schläuche und Kabel mehr als sonst. Will jemand wissen wie das aussieht? Nicht? Auch egal, also…

Vor der eigentlichen Narkose bekommt der Patient einen thorakalen Epiduralkatheter, der sowohl zu intra- als auch zur postoperativen Schmerzbehandlung verwendet wird. Manchmal ist es etwas schwierig ängstliche Patienten von den Vorteilen des EDK (oder PDK) zu überzeugen. Fast alle sehen aber ein, dass das Risiko im Verhältniss zum Nutzen verschwindend gering ist. In der Regel bekommen unsere Patienten dann im Anschluss an die OP eine PCEDA-Pumpe an ihren Katheter angeschlossen. PCEDA steht für “patient controlled epidural analgesia”, d.h. der Patient kann in gewissem Umfang seine Schmerzmitteldosierung selbst steuern. Die Pumpe liefert eine festgelegte Menge pro Stunde, hat der Patient zusätzlichen Bedarf, kann er auf einen Knopf drücken und bekommt eine zusätzliche  Dosis. Eine eventuelle Überdosierung wird durch die Pumpe verhindert. Ich habe bisher nur gute Erfahrung mit diesem Verfahren gemacht und durch die Bank zufriedene Patienten erlebt. Ist dieser Katheter gelegt und getestet beginnt die eigentliche Narkose, die meist intravenös eingeleitet und dann mit Gas fortgeführt wird. Der Vorteil eines funktionierenden Epiduralkatheters ist, dass man diesen auch schon intraoperativ aktivieren kann und somit nach der Intubation keine weiteren Opiate geben muss. Bei grossen Operationen wie dieser hier, macht es Sinn ein erweitertes Monitoring zu haben. Hierzu legt man in der Regel einen arteriellen Zugang um den Blutdruck kontinuierlich messen zu können. Ausserdem erleichtert “die Arterie” die Blutabnahme um intraoperativ die Blutgase zu bestimmen (hilfreich zur Steuerung der Beatmung) und den bisherigen Blutverlust besser einschätzen zu können. Ich bin äusserst sparsam mit der Anlage eines zentralen Venenkatheters, weil ich ihn intraoperativ seltenst brauche und die Aktion zeitraubend und teuer ist, manchmal aber braucht der Patient postoperativ einen ZVK, weil er, wie zum Beispiel bei einem Whipple lange nichts essen darf und künstlich ernährt werden muss und periphere Venen das nicht oder zumindest nicht lange aushalten. Bei anderen OPs, zum Beispiel bei einer Leberresektion, braucht man den ZVK um den zentralen Venendruck zu messen. Muss man Katecholamine geben, ist es meistens auch besser dies zentral zu tun,  geht aber auch mit peripheren Venen eine Weile gut. Zum erweiterten Monitoring bei grossen Baucheingriffen gehört bei uns auch noch ein Ösophagusdoppler um den Volumenstatus besser beurteilen zu können. Der Aufwand ist also deutlich grösser als bei kleineren OPs aber genau das macht eben viel mehr Spass als den ganzen Tag in der Anästhesieambulanz rumzusitzen und Patienten aufzuklären, auch wichtig, aber langweilig…

Peinlich

1. Mai 2010 geschrieben von patrick

Es ist unangenehm es zuzugeben, aber unsere eigene Vergangenheit bringt es irgendwie mit sich, dass ich nicht widerstehen kann ab und an beim zappen bei “Goodbye Deutschland!” hängenzubleiben. Mir ist klar wie blödsinnig diese Sendung ist, aber irgendwie scheine ich da einen Defekt zu haben. Ganz am Anfang waren da auch noch halbwegs gute Geschichten dabei aber mittlerweile ist es wirklich totale Zeitverschwendung. Ich glaube ich brauche Hilfe…

Gelegentlich werde ich kontaktiert weil jemand nach Schweden “auswandern” möchte. Ich helfe gerne und meistens geht es dabei um jobtechnische Informationen. Manchmal aber zeigt sich was für einen Schaden VOX so anrichten kann. Aktuell habe ich das Beispiel von jemandem, der kein Schwedisch kann, absolut keine Ahnung von der schwedischen Infrastruktur und der Jobsituation in seiner Branche hat, aber jetzt sofort ohne dickes finanzielles Polster ein Haus in der totalen Einöde kaufen will nur weil es, verglichen mit Immobilienpreisen in Deutschland, günstig ist. Dass man dann dort sitzt, keinen Job hat und eigentlich auch keine Aussicht irgendwann einen zu bekommen und trotzdem Strom, Wasser, Essen, ggf. zwei Autos (weil Einöde), Raten und wahrscheinlich noch eine Renovierung bezahlen soll, dass scheint für die meisten sehr überraschend zu kommen. Auch in den sogenannten “Auswanderersendungen” werden immer wieder Unverbesserliche präsentiert die genau das machen. Glauben die denn wirklich, dass alles gut wird, nur weil das Fernsehen dabei ist? Schaut man sich den Unfug zwei Minuten an und hat dabei auch nur drei funktionierende Gehirnzellen, muss man doch merken, dass Versagen das Einzige ist worum es hier geht. Mit Schwachköpfen die sich auf Teufel komm raus ruinieren wollen lässt sich scheinbar ganz gut Quote machen. Der Wunsch ins Fernsehen zu kommen, scheint bei vielen demnach so gross zu sein, dass sie bereit sind auch diese drei funktionierenden Gehirnzellen zu ignorieren. Deutschland zu verlassen um woanders zu leben kann viele viele Vorteile haben. Es macht aber durchaus Sinn mehr als 40 Sekunden für die Entscheidungsfindung zu opfern und mehr Informationen einzuholen, als einmal in den Diercke-Atlas zu kucken. Es ist schlau Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen. Am allerwichtigsten aber ist und bleibt sich zu fragen: Kann ich es mir leisten dort zu wohnen? Das heisst: Ich habe einen Job in der Tasche, der mich und meine Lieben ernährt! Oder aber: Mein Konto quillt über, ich weiss nicht wohin mit meinem Geld! Es ist nicht so, dass man überall auf der Welt nur auf jemanden aus Deutschland wartet, weil ja ohnehin niemand anders in der Lage ist den Kram zu erledigen der erledigt werden muss. Das mag den meisten die diese Zeilen lesen als eine Selbstverständlickeit erscheinen, ich habe aber emails die eine völlig andere Geschichte erzählen.

So, und jetzt dürft Ihr mich auslachen weil ich Lobotomie-Fernsehen kucke…

Es riecht nach Kacke…

27. April 2010 geschrieben von patrick

Ich liebe meinen Job! Unter der Woche haben wir einen Spätdienst, der dann nach Ende der regulären Arbeitszeit hauptsächlich für den Aufwachraum (der 24h geöffnet ist) und alle noch laufenden OPs aus dem Regelbetrieb zuständig ist. Eigentlich kann ich Spätdienst nicht leiden, aber letzte Woche war er richtig klasse und das obwohl er wirklich nervig angefangen hat, nämlich mit einer EDV-Fortbildung. Die Normalstationen verwenden ein Dokumentationssystem in dem wir in Zukunft auch ZVKs, PDKs und ähnliche Dinge erfassen sollen. Das Problem ist nur, dass der Spass von jemandem programmiert wurde der wahrscheinlich eine tiefgreifende Persönlichkeitsstörung hat. Die Software ist so schlecht, dass es einem das Wasser in die Augen treibt… aber gut, danach konnte es nur noch besser werden. Nachdem ich dann gefühlte 5000 Patienten geweckt und diversen Kleinkram im Aufwachraum erledigt hatte (Blutdruck wird völlig überbewertet), habe ich in dem Saal vorbeigeschaut in dem der Primärdienst und unser Hintergrund gerade dabei waren ein akutes Abdomen mit freier Luft im Bauch einzuleiten. Kaum hatte OA V. (V steht für Verpisser) mich entdeckt war er offenbar der Meinung, dass die zulässige Anzahl Anästhesisten pro Saal nun überschritten sei und verabschiedete sich auf die Intensiv. Da standen wir nun, E., ein Unterarzt (jawohlja, so heissen wir “Ärzte in Weiterbildung” hier…) im zweiten Jahr und ich, der ja eigentlich Essen gehen wollte. Wie das so ist, ist so eine schnuckelige Sepsis jetzt nicht die ideale Vorraussetzung für eine sorgenfreie Narkose. Bedingt durch einen lustigen Mix aus lauter fröhlichen Zytokinen und Mediatoren verabschiedet sich der Kreislauf sobald man näher als einen Meter mit irgendeinem Anästhetikum an den Patienten rankommt. Und obwohl wir schon kräftig dabei waren Volumen in den guten Mann zu schütten ist er natürlich trotzdem abgeschmiert, da habe ich es auch nicht übers Herz gebracht E. alleine zu lassen. Wäre ja auch unfair gewesen. Noch bevor die Chirurgen in den Saal kamen hatten wir schon drei Voluven und eine Ringer drin, ausserdem das Fenylefrin gegen Noradrenalin getauscht und der Patient hatte wieder halbwegs Druck. Ein herrlicher Anblick wenn Voluven per Druckinfusion so schnell durch die Tropfenkammer rauscht, dass es schäumt und man es hören kann… Kaum hatten die Operateure ihren vermurksten Bauch wieder aufgemacht durchzog den OP ein Duft von Kacke und ein kurzer Blick übers Tuch bestätigte, dass die gesamte Bauchhöhle voll mit “Darminhalt” stand. Bauch auf, Druck weg… also noch mehr Infusionen und mehr Noradrenalin, Hb bei 56 g/l und zentralvenöse Sättigung 55%… nach den Empfehlungen der “goal directed therapy” bestand da noch Verbesserungsbedarf, aber so richtig. Nach insgesamt drei Litern Kolloiden, zwei Litern Kristalloiden, zwei EKs, zwei Plasma und einer Überstunde für mich war der Patient stabil und E.’s schlechtes Gewissen soweit, dass er mich “entlassen” hat. Ich muss aber sagen, dass das eine der Überstunden war, die ich wirklich gerne gemacht habe. J. der Anästhesiepfleger, E. und ich haben richtig gut zusammengearbeitet, uns gegenseitig geholfen, alle haben Vorschläge gemacht und mit dem Ergebnis konnten wir durchaus zufrieden sein. Es geht also auch ohne Oberarzt… der war übrigens nach Hause gegangen ohne uns Bescheid zu sagen oder zu fragen wie es läuft, vielen Dank auch…

Asche auf mein Auto

18. April 2010 geschrieben von patrick

Da bricht ein Vulkan auf Island aus und das hat Auswirkungen auf meinen Dienst… ulkig. Wir hatten Donnerstagnacht nicht zu befürchten, dass uns irgendwer eine 3 Uhr SAB einfliegt, allerdings konnten wir auch niemanden ausfliegen was ganz schön doof ist wenn die Intensiv komplett voll ist. In einem Land in dem eigentlich alles weit weg ist kann es ganz schön ungemütlich werden wenn man mal eben den Luftraum sperrt, nur mein Kollege der heute Nacht “fixed-wing”-Dienst hatte, der hat sich gefreut…

Achja, meine Karre sah vielleicht aus als ich aus dem Dienst kam, können die nicht besser auf ihre blöden Vulkane aufpassen da auf Island, also ehrlich…

Dienstleistungsoffensive

6. April 2010 geschrieben von patrick

Im November habe ich über ein bekanntes deutsches Mietwagenportal für vergangenen Mittwoch ein Auto an einem grossen deutschen Flughafen reserviert. Da wir zu fünft sind und auch einiges an Gepäck haben wollten eines haben bei dem man drei Kindersitze nebeneinander auf der Rücksitzbank unterkriegt und ausserden ausreichend Platz für den Rest hat. Das ist sehr sehr kompliziert. Der erste Anbieter war SunnyCars, auch nur ein Vermittler wie sich später herausstellen sollte. Das Fahrzeug im Internet ein Mercedes Viano 7-Sitzer. Misstrauisch wie ich bin habe ich dann direkt beim Vermieter (Thrifty, hab ich auch noch nie gehört) angerufen, weil ich wissen wollte was für ein Auto wir wirklich bekommen, es gibt nämlich Autos bei denen passen drei Kindersitze nebeneinander auf die Rückbank und bei anderen nicht. Der unglaublich gelangweilte Callcenter-Sklave hat zunächst seinen Standardspruch heruntergeleiert:”Wir können ihnen kein Fahrzeug garantieren, nur eine Fahrzeugklasse!” Diesen Satz sollte ich in den folgenden Wochen noch sehr sehr oft hören. Auf meine Frage, welche Autos sie denn in dieser Klasse hätten, hat er mich erstmal für fünf Minuten in die Warteschleife verbannt um mir dann mitzuteilen, dass sie garkeine 7-Sitzer im Programm hätten und Kunden für gewöhnlich einen 9-Sitzer bekommen würden… äh aha, lustig… es bestehen leichte Unterschiede zwischen den beiden Klassen, die 7-Sitzer sind in der Regel “richtige” Autos, die 9-Sitzer mehr so Truppentransporter ohne jeglichen Komfort, d.h. laut und unbequem und für eine zehntägige Urlaubsreise denkbar ungeeignet. Meine Unzufriedenheit mit seiner Aussage konnte der Onkel nun garnicht verstehen, der 9-Sitzer sei doch das “höherwertige” Fahrzeug… Kopf -> Tischkante (Danke Josephine). Der Einwand, dass nur weil es in seiner dämlichen Liste so stünde, sei ein Fiat Scudo 9-Sitzer nicht höherwertiger als ein vollausgestatteter Mercedes Benz Viano für €60.000,- stiess erneut auf totales Unverständniss. Das war es dann mit Thrifty und mir…

Neuer Versuch, diesmal bei Avis, die hatten einen VW Multivan als Beispielfahrzeug, der ist im Grunde genommen zu gross, aber wir wollten ja auf Nummer sicher gehen. Also, Auto übers Internet reserviert und dann direkt am Schalter am Flughafen angerufen und gefragt was uns der Osterhase denn bringen würde. “Wir können ihnen kein Fahrzeug…” ja klar kenn’ ich schon… darauf von mir die vorsichtige Frage was denn bei Avis sonst noch so in dieser Fahrzeugklasse rumdümpelt? “Da haben wir ausser dem Multivan momentan den Kia Carens, das ist auch ein sehr schönes Auto.” *klonk* – da ist mir doch glatt der Hörer aus der Hand gefallen… äääh hallo? Einen Kia Carens kann man ohne Probleme in einem Multivan parken, gehts noch? Aber, immerhin, die Tante war bereit einen Vermerk, Avis-intern “must-be” genannt, zu setzen, der klar machen sollte, dass wir unbedingt den VW haben wollten. Nun denn, in der Hoffnung, dass dieses “must-be” irgendeine Bedeutung haben würde habe ich das erstmal hingenommen. Von der Angst getrieben mit drei Kindersitzen, aber ohne ausreichend Platz dann Abends in deutschland zu stehen, habe ich zwei Tage vorher nochmal angerufen… “Ja, das sieht sehr sehr schlecht aus, die Multivans sind alle in der Werkstatt, die Sharans auch…, wenn sie Glück haben kriege ich bis Mittwoch einen Caddy zurück…” *klonk* – Wenn ICH Glück habe??? Äh, wo sind wir denn hier? Ich habe was gebucht, nicht Lotto gespielt… die Frage was passieren würde wenn ich Pech hätte wurde mit Mercedes Sprinter (kennt Ihr alle vom letzten Umzug) zu meiner vollsten Unzufriedenheit beantwortet. Was dann folgte war nicht jugendfrei und wurde mit einem kleinlauten “mal sehen was sich machen lässt” und “alles wird bestimmt gut” quittiert, ich solle mich am Mittwoch Morgen nochmal melden. Weil ich so ein Netter bin, habe ich das akzeptiert, aber zeitgleich bei Europcar (zu schlechteren Konditionen) einen grossen Kombi reserviert, irgendein Backup braucht so ein Anästhesist schon… Mittwoch 14:30h Stockholm Arlanda, wir haben reichlich Aufenthalt zwischen unseren Flügen und somit ausreichend Zeit um mit Autovermietern zu telefonieren.

Ich: Hallo, Patrick hier, ich habe für heute Abend ein Fahrzeug bei ihnen reserviert und wollte fragen was ich bekomme?

Avis: Hmmm, mal sehen was wir dahaben…

(WTF heisst eigentlich reservieren für Euch ihr Schnarcheimer?)

… also Sie bekommen einen Renault Trafic 9-Sitzer

*doppelklonk* – absolute Fassungslosigkeit

Ich: Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, oder? Wo ist mein Multivan?

Avis: Wir können ihnen kein Fahrzeug garantieren, nur…

Ich: Den Renault nehme ich nicht, ich habe einen PKW gebucht, keinen Lieferwagen, was haben sie sonstnoch?

Avis: Äh, nichts…

Ich (stehe mitten im Terminal 4 und brülle auf deutsch in der Gegend rum): Sie besorgen mir jetzt irgendein Auto bei dem ich meine Kindersitze unterkriege oder das war das letzte Mal dass ich bei Ihnen was…

Avis: Tut mir wirklich sehr leid Herr Patrick, ich habe wirklich nichts passendes da, ich kann doch auch nichts dafür…

Ich: dann storniere ich das jetzt bei ihnen, ich habe eine Alternative woanders, es ist eine Schande wie sie mit ihren Kunden usw. usw.

Avis: *sehrkleinlaut* wie gesagt, tut mir sehr leid, mein Chef sitzt hier neben mir, dem erzähle ich das auch gleich

UND DAS WAR EIN FEHLER!

Ich: Oh, hervorragend, dann will ich den jetzt sprechen…

Avis: Oh, äh… Moment mal da muss ich erst verbinden…

jaja, von wegen sitzt neben mir, sieh mal zu wie du da wieder raus kommst…

Avis: also, der kann gerade wirklich nicht, aber er ruft sie zurück, versprochen!

Acht Minuten später…

Avis-Boss: Hallo hier ist Meyer-Müller-Schulze, ich habe gehört Sie haben ein Problem…

Also habe ich ihm nochmal mein gesamtes Leid geschildert…

Avis-Boss: Ich habe jetzt schonmal gekuckt, ich habe eine VW Caddy und einen VW Shuttle für Sie…

wie er mir dann erklärte meinte er mit Shuttle einen Transporter mit Bestuhlung…

Ich: Ich will ein Auto mit dem ich bequem 10 Tage durch Deutschland fahren kann, keinen Lieferwagen… ich nehme auch einen richtig grossen Kombi wenn das mit den Kindersitzen passt… Benz E-Klasse zum Beispiel, Volvo V70 vielleicht…

Avis-Boss: Da muss ich mal sehen, ich muss da 600 Autos durchsehen, ich rufe nochmal an…

20 Minuten später rief er mich dann wieder an um mir mitzuteilen, dass er mir einen Volvo, einen VW Caddy Luxus-Version und besagten VW Transporter ins Parkhaus stellt, ich könne in Ruhe die Kindersitzsituation testen und dann auswählen welches Auto wir haben wollen, es täte ihm sehr leid und beim nächsten Mal solle ich mich direkt an ihn wenden… na also… schade nur, dass es soweit kommen muss, schliesslich bezahlt man ja und hat sich rechtzeitig gekümmert…

Seconds of terror

30. März 2010 geschrieben von patrick

Ich gebe zu, Anästhesie ist sehr viel Routine. Schlafen machen, wach machen, nächster… gleichzeitig bedeutet das aber, dass man aufpassen muss nicht in der Routine zu versinken. “Hours of boredom, minutes of thrill, seconds of terror” – Anästhesie…

Ich hatte heute meine “seconds of terror” in Form eines Laryngospasmus. Ein Laryngospasmus ist eine Komplikation die durch Reizung der Luftwege hervorgerufen werden kann. Ist der Patient bei der Intubation nicht “tief” genug bzw. bei der Extubation nicht mehr richtig tief, aber auch noch nicht richtig wach, dann kann der Kehlkopf beleidigt reagieren. Kinder haben ein höheres Risiko für diese Komplikation. Einer meiner drei Säle heute war der in dem die Chirurgen kurze Eingriffe wie Gastroskopien, PEG-Anlagen, Hämorrhoiden usw. operieren. Die beiden ersten Patienten waren für PEG-Anlagen angemeldet, der erste ein Junge geboren 2009 und dann ein Mädchen, geboren 2008, beide mit Ernährungsproblemen. Die erste Narkose ist problemlos verlaufen, Maskeneinleitung mit Sevorane und dann Intubation, Ausleitung mit Extubation in tiefer Narkose in Seitenlage. Die zweite OP fing perfekt an, die Kleine schlief bereits auf dem Arm ihrer Mutter als wir die beiden in den Saal geholt haben, ich habe nur vorsichtig die Maske auf ihr Gesicht gehalten und so konnte wir einleiten ohne dass sie was mitbekommen hat, hatte ich so auch  noch nie. Die OP war unspektakulär und der Plan war genauso zu verfahren wie bei der ersten, also in ausreichender Narkosetiefe zu extubieren um dann mit Maske endgültig auszuleiten… und irgendwie habe ich da scheinbar den richtigen Moment verpasst. Unmittelbar bevor ich den Tubus gezogen habe hatte das Mädchen ganz brav spontan geatmet. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Atmung erstmal kurz aussetzt nachdem der Reiz aus der Trachea verschwunden ist, heute allerdings hat sie dann irgendwie nicht wieder eingesetzt. Also Maske richtig drauf und beatmen, ging aber keine Luft rein, Guedeltubus dazu aber es ging  immer noch keine Luft rein und die Sättigung sank auf 80%… jetzt ging alles irgendwie sehr schnell…

…während ich weiter versuche zu beatmen bestelle ich mir eine Oberärztin und einmal Intubation… Sättigung 65%… Oberärztin ruft zurück, die OP-Schwester brüllt ins Telefon das sie sofort kommen soll… erster Intubationversuch, gute Sicht aber ich komme nicht rein… Sättigung 50%… erneute Maskenbeatmung ohne Erfolg… Sättigung 45%, Herzfrequenz stabil bei 120, trotzdem gibt es jetzt Atropin,  Sättigung 35%, Kind tieflbau… zweiter Intubationsversuch… Sättigung 28%… Tubus sitzt… uff… als die Oberärztin in den Saal stürzt  ist die Kleine wieder rosa.

Vielleicht wird jetzt der eine oder andere “alte Hase” sagen, dass sowas ja garnicht sooo selten passiert, so heftig hatte ich es bis jetzt aber eben nicht und ich muss sagen, das ich mich hinterher, nachdem wir das Mädchen quietschfidel im Aufwachraum an ihre Mutter abgegeben hatten, doch erstmal einen Augenblick setzen musste…

Jetzt hab ich erstmal Urlaub und weil es ohne Stress nicht geht fliegen wir am Mittwoch nach Deutschland. Mit drei Kindern im Flugzeug, das kann lustig werden…

Waffeltag

25. März 2010 geschrieben von patrick

Heute ist in Schweden “våffeldag” also Waffeltag. Viele Schweden essen heute Waffeln, zu Hause, bei der Arbeit, alleine oder zusammen. Witzig die Entstehungsgeschichte dieses Tages. Der 25.März ist ursprünglich mal “Mariä Verkündigung”, auf schwedisch “vår fru dagen”, wörtlich übersetzt “der Tag unserer Frau” gewesen. Spricht man “vår fru dagen” undeutlich aus, kann man auch “våffeldagen”, “Tag der Waffel” verstehen und weil das doch hbübsch und einen Vorwand zum Verzehr von Gebäck ist, ist der 25.März eben Waffeltag. Ach ja, im Zuge von Massnahmen zur Eindämmung des Feiertagswildwuchses hat man den “vår fru dagen” schon vor Ewigkeiten auf einen Sonntag verlegt. Das nenne ich mal Prioritäten setzen.

Selbstbestimmung

23. März 2010 geschrieben von patrick

Einmal im Monat haben alle Assistenzärzte meiner Abteilung einen ganzen Freitag lang Fortbildung. Diese Tage teilen sich ein in: journal club, d.h. einer von uns stellt einen Artikel aus einer Fachzeitschrift vor, die er/sie „bewacht“, ein „kleines“ Thema, ca. eine Stunde Vortrag von einem Facharzt, ein „großes“ Thema, ca. vier Stunden mit Vortrag und Diskussion, auch gehalten von einem Facharzt und dann besprechen wir meist noch Berufspolitisches und Assistenzarztprobleme oder gehen auch mal früher nach Hause…

Das große Thema vergangene Woche war Ethik, das klingt jetzt erstmal etwas zäh, war es aber erstaunlicherweise nicht. Aufgezogen hat Anders, der Kollege der das Thema gehalten hat, das Ganze an mehreren Beispielen, die jeweils ein ethisches Dilemma darstellten. Zum Nachspielen: ein 62-jähriger Patient mit einer langjährigen Anamnese für pAVK, schwere COPD, starker Raucher und Trinker und insulinpflichtiger Diabetiker wird mit starken Schmerzen im Bein über die Notaufnahme eingewiesen. Der Aufnahmestatus bescheinigt dem Mann volle Zurechnungsfähigkeit. Gefäßchirurg und Orthopäde beschließen, nach den üblichen Diagnostikversuchen, dass das Bein nicht zu retten ist und empfehlen die Amputation des Unterschenkels. Der Patient lehnt dies ab. Er gibt bei klarem Verstand an, dass er die Operation nicht über sich ergehen lassen will und bereit ist die Konsequenzen, also den Tod, in Kauf zu nehmen. Nach einigen Tagen wird der Patient septisch, fällt ins Koma und landet auf der Intensivstation. Nun möchten die Chirurgen gegen den erklärten Patientenwillen amputieren. Als Argument wird eine seit langem diagnostizierte, bisher aber als harmlos eingestufte, Depression angeführt. Der konsultierende Psychiater geht da mit und macht den Weg frei. Allerdings ist der Patient mittlerweile so instabil, dass er laut Anästhesie nicht OP-fähig ist und er verstirbt am folgenden Tag… Die Fragen die sich hier auftun sind vielfältig: Darf man so handeln? Kann man sich eine Situation so zu Recht basteln wie man sie gerne haben möchte? Wenn der Patient von Anfang an psychisch instabil war, was ja die Argumentation war, warum hat man dann nicht direkt amputiert, sondern bis zur Bewusstlosigkeit gewartet? Wie ist das nun mit der Selbstbestimmung? Ich kann und will hier keine Antworten geben, aber die Diskussion die wir im Anschluss hatten war sehr interessant und drehte sich vor allem darum, wie man selbst damit umgeht wenn ein Patient eine Behandlung ablehnt. Wie so oft hat es nicht lange gedauert bis auch dieses Gespräch seinen Weg zu den Zeugen Jehovas gefunden hat, die, für alle die es nicht wissen, mit Verweis auf ihren Glauben jegliche Gabe von Blutprodukten ablehnen. Intraoperative Bluttransfusion ist Aufgabe des Anästhesisten und daher ist dies eigentlich eines der Paradebeispiele für ethische Konflikte in der Anästhesie, da ein narkotisierter Patient schlecht mit Gegenständen nach einem werfen kann wenn man mit einer Tüte Blut ankommt. Ich hatte bisher eine Handvoll dieser Patienten und in manchen Fällen hat es schon was Komisches, wenn ein Narkosegespräch für eine Leistenhernien-OP mit den Worten „mir ist alles egal, Hauptsache ich bekomme kein Blut“ beginnt. Da kann man erklären, dass das Blutungsrisiko quasi Null ist und man sowieso wartet usw. usw. und dass es ganz andere Dinge gibt über die man jetzt sprechen sollte, nein völlig egal, das Gespräch dreht sich ausschliesslich um Blut. Allerdings ist es eben auch so, dass auch Zeugen Jehovas mitunter Operationen benötigen, die mit einem massiven Blutungsrisiko einhergehen und da ist eben die Frage wie man selbst reagiert. Natürlich kann man planen. Manche Zeugen Jehovas akzeptieren Cellsaver-Blut, manche nicht, man kann auch den Eingriff ablehnen, wenn einem das Risiko zu groß erschein, aber da hat man dann eventuell wieder ein anderes ethisches Problem. Die Aussagen von Ärzten sind vielfältig und variieren von „wer verbluten will darf verbluten“ bis „bei so was würde ich nicht mitmachen, ich würde Blut geben“… Ich habe bisher nie vor so einer Entscheidung gestanden, aber der Kollege der eben diese Fortbildung gehalten hat schon. Er hat vor vielen Jahren daneben gestanden als eine junge Frau, zweifache Mutter, nach einem Kaiserschnitt und folgender atonischer Gebärmutterblutung mit Nothysterektomie auf eigenen Wunsch verblutet ist. Er und sein Kollege, der damals mit ihm Dienst hatte, sind bis heute nicht darüber hinweg, obwohl es wie gesagt lange her ist. Die Frage die mir hier gekommen ist, war: wie viele Leben darf man zu Gunsten der eigenen Selbstbestimmung ruinieren bevor es ethisch untragbar wird?

Problembewältigung

19. März 2010 geschrieben von patrick

Kleines Beispiel wie man hier damit umgeht wenn etwas nicht so läuft wie geplant. Ein Kollege von mir, Berufsanfänger, hat bei einer seiner ersten “eigenen” Einleitungen einen Denkfehler gemacht und versehentlich etwa die doppelte Dosis Thiopental gespritzt. Passiert ist nichts, der Patient hatte kurzzeitig einen etwas niedrigeren Blutdruck, ansonsten ist die Narkose völlig normal verlaufen. Er hat seinen Fehler relativ zeitig bemerkt und… so jetzt sind wir am interessanten Punkt, wie hättet Ihr reagiert? Wenn ich ehrlich bin, hätte ich damals vor fünf Jahren wahrscheinlich die Schnauze gehalten und mir vorgenommen in Zukunft besser aufzupassen. Hier ist es interessanterweise üblich, dass man sich selbst “anzählt”. Dementsprechend ist B. zu unserer Oberärztin gegangen, hat gesagt was passiert ist und die Frage aufgeworfen was man tun kann damit soetwas nicht wieder passiert. Es ist völlig egal ob man das in diesem speziellen Fall jetzt für schlau hält, so finde ich die Grundeinstellung “aus Fehlern einzelner sollen ALLE lernen” sehr gut. Dieses Vorgehen praktizieren auch ganze Kliniken. Wenn etwas passiert zeigt sich die Klinik selbst bei “Socialstyrelsen”, der schwedischen Gesundheitsbehörde, an um eine Untersuchung anzustossen. Diese Kultur des aus-Fehlern-lernen hat nicht zum Ziel einen Schuldigen zu finden und zur Verantwortung zu ziehen, sondern zu verhindern, dass die gleichen Fehler in Zukunft nochmal passieren. Dafür wird auch richtig Zeit und Manpower investiert. Finde ich schon sehr beeindruckend wie offen und angstfrei hier mit Fehlern umgegangen wird ohne gleich “das kann mich doch aber den Job kosten”-Panik haben zu müssen…